Der Part Out Value (POV)
Der Part Out Value (POV) ist eines der zentralen Konzepte in der Welt der erwachsenen LEGO-Fans (AFOLs), Investoren und gewerblichen Händler. Er beschreibt den kumulierten Marktwert aller Einzelteile, die in einem versiegelten LEGO-Set enthalten sind, wenn man diese separat verkauft.
In dieser ausführlichen Analyse beleuchten wir, warum der POV oft deutlich über der unverbindlichen Preisempfehlung (UVP) liegt, welche Faktoren den Wert beeinflussen und wie man dieses Wissen für das eigene Hobby oder Business nutzt.
1. Die Definition: Was ist der Part Out Value?
Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein Set wie das „Museum für Naturkunde“ aus der Modular-Building-Reihe für 299,99 €. Wenn Sie den Karton öffnen, die Tüten aufreißen und jedes einzelne der über 4.000 Teile sowie die Minifiguren und die Bauanleitung einzeln auf Plattformen wie BrickLink oder BrickOwl zum Verkauf anbieten, wird die Summe der Einzelpreise fast immer den ursprünglichen Kaufpreis übersteigen.
Dieser Gesamtwert der Einzelteile wird als Part Out Value bezeichnet. In der Regel liegt der POV eines neuen Sets zwischen dem 1,5-fachen und 3,5-fachen der UVP. In Extremfällen oder bei Sets mit sehr seltenen Teilen kann dieser Wert sogar noch höher liegen.
2. Warum ist der POV höher als der Set-Preis?
Es erscheint paradox: Warum ist die Summe der Teile mehr wert als das fertige Produkt? Dies hat primär ökonomische und logistische Gründe:
Convenience-Gebühr: Der Käufer eines Einzelteils zahlt für die Bequemlichkeit, genau das Teil zu bekommen, das er für sein eigenes MOC (My Own Creation) benötigt, ohne ein ganzes Set kaufen zu müssen.
Lager- und Sortierkosten: Ein Händler, der ein Set ausschlachtet, investiert Zeit in das Sortieren, Lagern und Inventarisieren. Diese Dienstleistung lässt er sich bezahlen.
Seltenheit bestimmter Elemente: LEGO produziert viele Teile nur für ein oder zwei spezifische Sets. Wer dieses Teil in einer anderen Farbe oder Form benötigt, muss den Marktpreis akzeptieren.
Minifiguren als Preistreiber: Oft machen die Minifiguren allein bereits 30 % bis 50 % des gesamten POV aus, da sie Sammlerobjekte sind.
3. Die Rolle von BrickLink
Wenn man über POV spricht, kommt man an BrickLink nicht vorbei. Die Plattform, die mittlerweile zur LEGO Gruppe gehört, ist der Goldstandard für die Wertermittlung.
BrickLink bietet ein Werkzeug an, mit dem man jedes Set virtuell „ausschlachten“ kann. Dabei werden die Durchschnittspreise der letzten sechs Monate für jedes enthaltene Teil herangezogen. Man unterscheidet hierbei zwischen:
Current Sales Inventory: Der Wert basierend auf den aktuell gelisteten Preisen der Verkäufer.
Price Guide (Sold): Der Wert basierend auf den tatsächlich in der Vergangenheit erzielten Verkaufspreisen. Letzterer ist deutlich realistischer für Kalkulationen.
4. Faktoren, die den Part Out Value beeinflussen
Nicht jedes Set eignet sich gleichermaßen für ein „Part Out“. Es gibt spezifische Indikatoren, die den Wert nach oben treiben:
Exklusive Minifiguren
Dies ist der wichtigste Faktor. Sets zu Lizenzen wie Star Wars, Marvel oder Lord of the Rings haben oft Minifiguren, die nur in einem einzigen, teuren Set vorkommen. Ein Beispiel: Eine exklusive Captain Rex-Figur kann den POV eines 150-Euro-Sets massiv dominieren.
Seltene Farben und Formen
LEGO führt regelmäßig neue Farben ein. Wenn ein Standard-Stein (z. B. ein 1×2 Mauerstein) plötzlich in einer neuen, begehrten Farbe wie „Sand Green“ oder „Dark Azure“ erscheint, ist die Nachfrage bei MOC-Buildern riesig.
Bedruckte Teile vs. Sticker
Sets mit vielen bedruckten Fliesen oder Steinen haben meist einen höheren POV als Sets, die auf Aufkleber setzen. Stickerbögen lassen sich zwar auch verkaufen, aber bedruckte Elemente sind bei Sammlern und Buildern weitaus beliebter und wertstabiler.
Große Basisplatten und Formteile
Große Platten (32×32) oder spezielle Formteile (wie Bootsrümpfe oder große Felsenelemente) sind teuer in der Einzelanschaffung und stützen den POV eines Sets erheblich.
5. Strategien für Investoren und Händler
Für gewerbliche Verkäufer ist das „Parting Out“ ein hartes, aber kalkulierbares Geschäft. Die Strategie sieht meist so aus:
Einkauf mit Rabatt: Ein Händler kauft ein Set niemals zur UVP. Er wartet auf Rabatte von 30 % bis 40 %. Wenn ein Set für 100,00 € UVP für 60,00 € eingekauft wird und einen POV von 200,00 € hat, ist die Marge attraktiv.
Schnelligkeit bei Neuerscheinungen: Wenn ein Set gerade erst erschienen ist, ist der POV oft am höchsten, da die Teile noch nirgendwo anders verfügbar sind. Wer als Erster die neuen Teile auf BrickLink listet, kann Premium-Preise verlangen.
End-of-Life (EOL) Dynamik: Wenn ein Set aus dem Sortiment geht, steigen die Preise für die spezifischen Teile oft sprunghaft an, da die Quelle (das Set im Laden) versiegt ist.
6. Die dunkle Seite: Aufwand und Gebühren
Man darf den POV nicht mit dem Reingewinn verwechseln. Wer ein Set ausschlachtet, muss folgende Faktoren abziehen:
Verkaufsgebühren: Plattformen wie BrickLink oder eBay nehmen Gebühren (meist zwischen 3 % und 10 %).
Zahlungsanbieter: PayPal-Gebühren fressen weitere Prozente.
Zeitaufwand: Das Sortieren von 2.000 Kleinstteilen dauert Stunden. Rechnet man einen fairen Stundenlohn gegen, wird manch ein POV-Geschäft zum Verlustgeschäft.
Lagerdauer: Nicht alle Teile verkaufen sich sofort. Während die Minifiguren schnell weg sind, liegen Standard-Pins und Basis-Steine oft jahrelang im Regal.
7. POV für MOC-Builder: Geld sparen durch Wissen
Nicht nur Verkäufer profitieren vom Wissen über den Part Out Value. Wenn Sie ein großes Modell entwerfen, können Sie den POV nutzen, um Kosten zu optimieren.
Oft ist es günstiger, ein spezifisches, aktuell im Handel befindliches Set zweimal zu kaufen, die benötigten Teile zu entnehmen und den Rest (die Minifiguren oder die Spezialteile) wieder zu verkaufen, um das eigene Bauprojekt zu refinanzieren. Dies nennt man „Subsidized Building“.
8. Markttrends und die Zukunft des Part Out Value
In den letzten Jahren ist der Markt professioneller geworden. Immer mehr „Part-Out-Händler“ drängen auf den Markt, was die Margen für Standardteile drückt. Gleichzeitig reagiert LEGO darauf, indem sie über ihren eigenen Service „Pick a Brick“ (PaB) mehr Einzelteile direkt anbieten.
Wenn LEGO ein ehemals exklusives Teil in großen Mengen über PaB verfügbar macht, bricht der POV des entsprechenden Sets auf den Zweitmärkten oft ein. Ein kluger Investor muss also stets die Verfügbarkeit bei LEGO direkt im Auge behalten.
Fazit
Der Part Out Value ist die mathematische Seele des LEGO-Sekundärmarktes. Er macht deutlich, dass LEGO mehr ist als nur ein Spielzeug – es ist eine Währung aus Kunststoff. Ob man nun ein Set ausschlachtet, um Gewinn zu machen, oder ob man als Sammler den inneren Wert seiner Sammlung verstehen will: Der POV bietet die nötige Transparenz.
Man sollte jedoch nie vergessen: Ein hoher POV auf dem Papier ist noch kein Geld auf dem Konto. Erst durch effiziente Logistik und Geduld verwandelt sich der theoretische Wert der Steine in echte Rendite.